Oberwiesenthal 10.03.2012

Oberwiesenthal 10.03.2012
 
Fast auf dem Tag genau vor einem Jahr bin ich diese Straßen auch entlang gefahren und es dürfte sogar ungefähr auch zu dieser Tageszeit gewesen sein. Das Ziel und der Anlass meiner Reise waren damals und am vergangenen Sonnabend identisch. Meine Reise führte mich wieder nach Oberwiesenthal und zum dortigen open air-Konzert der Gruppe KARUSSELL auf der kleinen Freilichtbühne an einen Skihang am Fuße des Fichtelberges. Seit Tagen, Wochen, Monaten wartete ich auf diesen Tag, denn meine letzte KARUSSELL-Drehung war am 17. September 2011. Die 2 restlichen Termine konnte ich nicht wahrnehmen. Seit Januar 2012 war es dann um KARUSSELL ziemlich ruhig. Aber diese Pause hatte sich die Band auch verdient. Die Männer haben ja letztes Jahr wieder fleißig getourt, das neue Album „Loslassen“ veröffentlicht, einige Medientermine absolviert und im Dezember auch noch bei Frank Zander’s Weihnachtsfeier für Obdachlose mitgewirkt.

Endlich hat der (Leit-)Wolf-Rüdiger Raschke nun zur Freude der Fans sein Rudel aus dem vermeintlichen Winterschlaf geweckt und wieder zusammengetrommelt. Nichts konnte mich davon abhalten die Spur aufzunehmen und dem KARUSSELL-Rudel in die mit 914 Metern über Normalnull(NN) höchste Stadt Deutschlands zu folgen. Obwohl sich mir bei der Anreise am Ortseingang Annaberg-Buchholz die Polizei mit blinkenden, blauen Lichtern und einer Straßensperrung wegen Unfalls zeitweilig in den Weg stellte, konnte ich am Sonnabend ganz entspannt und gelöst reisen. Es macht sich doch bezahlt, wenn man mit einem guten Plan und einem ordentlichen Zeitpolster auf die Asphaltpiste geht.

Oberwiesenthal empfing mich mit unangenehmen Regen, der Platz vor der Freilichtbühne war eine Stunde vor dem angekündigten Konzertbeginn auch noch recht spärlich mit Besuchern gefüllt und mir schwante für die Mugge nichts Gutes. Doch ich sah mal wieder viel zu voreilig schwarz. Gegen 19.30 Uhr sah die ganze Sache dann schon besser aus. Der Regen hatte aufgehört und vor der Bühne hatten sich doch mehrere hundert Menschen versammelt. Meine Gedanken drehten sich nun im Karussell um KARUSSELL. Ich liebe diese Minuten kurz vor Showtime, wenn die innere Spannung immer mehr ansteigt und manchmal hasse ich diese Momente auch wieder. Endlich ließ der Moderator die Band auf die Bühne und den Anfang machte Joe Raschke mit einem Keyboard-Intro. Irgendwie sah Joe’s Arbeitsplatz diesmal anders aus. Lag das nur an einer anderen Anordnung der Tasteninstrumente oder war da gar neues Instrumentarium dabei? Ich bin kein Technikfreak deshalb kann ich die Frage auch nicht beantworten und mir ist es letztlich auch total egal was das für Teile sind. Mich interessiert, was Musiker damit anstellen.

Die Band kam auf die Bühne und ich traute bei den ersten gemeinsamen Klängen kaum meinen Ohren und ich freute mich tierisch. Nach langer Zeit spielte KARUSSELL live endlich wieder mal „Entweder oder“. Darauf habe ich schon seit Ewigkeiten gewartet. Die Band hat im Laufe der Jahre sicher einige ganz wichtige Lieder geschrieben, aber dieses gehört für mich ohne wenn und aber zu ihren wichtigsten Liedern. Die kraftvollen Instrumente und da vor allem die rhythmisch-stampfenden Keyboards, Oschek’s eingängige, eindringliche Stimme und der zeitlose, nachdenkenswerte Text gehen mir nach wie vor unter die Haut und das sogar mehr als vor über 30 Jahren. Das geht mir bei einigen der alten Schätze von KARUSSELL auch so. Natürlich mochte ich viele Lieder damals schon. Doch ich war zu der Zeit noch nicht ganz trocken hinter den Ohren und der Tiefgang dieser Lieder erschloss sich mir so richtig erst Jahre später. Das hat sicher auch etwas mit den Lebenserfahrungen zu tun, die man gesammelt hat sowie mit den gewachsenen eigenen Grundüberzeugungen. So, nun habe ich aber genug philosophiert ;-).

KARUSSELL spielte am Sonnabend unter feuchtkühlen Bedingungen open air bei sage und schreibe 3 Grad Celsius. Für die Instrumentalisten und speziell für ihre Finger war das sicher schon eine Herausforderung. Hier und da konnte man in den kurzen Pausen zwischen den Liedern schon ein verstohlenes Händereiben oder wärmendes Anhauchen der Finger sehen. Das hielt die Männer aber nicht davon ab mit der ihnen eigenen Spielfreude durch den Abend zu rocken. Ich selbst hatte die Kälte sowieso schon zu den Akten gelegt, denn bei KARUSSELL-Konzerten wird mir immer regelrecht warm ums Herz. Joe Raschke und Reinhard „Oschek“ Huth schwangen abwechselnd das Zepter des Frontmannes. Sie lotsten gemeinsam die Konzertbesucher und die Band sicher und kurzweilig durch das Programm. Die kurzen, knackige Ansagen und Informationen reichten auch vollends aus. Lange Monologe würden die Atmosphäre der Konzerte auch eher stören.

Was ich an KARUSSELL auch gut finde, sie stehen zu ihren Wurzeln, sind aber nicht in der Vergangenheit haften geblieben und sie ruhen sich auch nicht auf ihren alten Lorbeeren aus.
Die Band um Wolf-Rüdiger Raschke stand und steht für ehrliche, handgemachte und melodiebetonte Rockmusik mit greifbaren und verständlichen deutschen Texten. KARUSSELLL war schon immer eine kreative Band bei der sich eigentlich alle Musiker an der Erarbeitung neuer Lieder beteiligten. Die aktuelle CD „Loslassen“ ist ein Beispiel dafür und das Ergebnis spricht durchaus für sich.

Ein weiteres Kennzeichen der Band war und ist die Arbeitsteilung zweier gleichberechtigter Frontmänner. In der Politik nennt man so etwas Doppelspitze. Die heutige Besetzung ist auch ein gutes Beispiel für den Brückenschlag von der Vergangenheit in die Gegenwart von KARUSSELL. Der junge, quirlige Joe hat seine Führungsrolle (nicht nur) auf der Bühne wie selbstverständlich angenommen und ergänzt sich hierbei mit dem „altersweisen“, gesetzten Oschek perfekt. Auch beim Satzgesang harmonieren ihre beiden Gesangsstimmen prächtig. Durch und mit Joe hat sich KARUSSELL auch in Teilen ein neues Publikum erschlossen. Dass muss man auch mal so klar schreiben dürfen. Alleine mit uns alten Fan-Säcken aus den Anfangsjahren wären die Säle, Hallen und Plätze bei den Konzerten nicht so gut gefüllt.

Wie wir bei diesem Konzert wieder erleben konnten, ist KARUSSELL eine druckvolle Rockband bei der auf der Bühne die Luft brennt und es vor Energie knistert. Die Musiker transportieren ihre Lieder mit unheimlich viel Freude zum Publikum. Das Programm war sehr gut zusammengestellt und bestand aus alten Erfolgstiteln und vielen Liedern vom aktuellen Album. Es ist doch eine Freude, wenn eine Band stolz ihr neues Material spielt und diese Lieder auch noch genügend Substanz haben, um das Publikum mitzureißen. Die alten Hits sind ja sowieso ein Selbstläufer. Die Musiker stellten ihr Können im Zusammenwirken eindrucksvoll unter Beweis und jeder von ihnen konnte sich im Laufe des Abends auch solistisch präsentieren. Seine Exzellenz, der Graf aus Leipzig mit Vornamen Hans, ließ aus den Saiten seiner Gitarren ein ums andere Mal wunderschöne Solos perlen. Das zweistimmige Gitarrenspiel mit Oschek klappte auch wie am Schnürchen.

Wolf-Rüdiger und Joe feuerten gemeinsam während des Abends mehrmals das Publikum vom Bühnenrand aus kräftig an und an ihren Tasteninstrumenten zauberten sie in den rund
2,5 Stunden einen satten Keyboardteppich. Beim „Whisky“ feierten sie unter den Augen ihrer Kollegen vierhändig wieder die reinste Keyboard-Orgie. Das ist zwar nicht neu, aber immer noch eine sehr spektakuläre Stelle im Konzert. Joe trieb aber auch mit seinen Mundharmonikas manchen Zuhörer förmlich Freudentränen in die Augen. Schlagzeuger Benno und Bassist Jan hatten ihren großen Auftritt im Zwischenteil von „Autostop“. Apropos „Autostop“ – man merkte den Zuhörern zwar deutlich an, dass ihnen die KARUSSELL-Mugge gefiel, aber insgesamt empfand ich das Publikum doch als sehr leise und zu passiv. Da habe ich schon ganz andere Konzerte erlebt. Natürlich ging bei den ersten Klängen von „Als ich fortging“ ein erkennendes Raunen durch die Reihen und auch ein paar Wunderkerzen erstrahlten dazu. Für viele ist es eben DAS KARUSSELL-Lied und ich glaube sogar, die Jungs müssen diesen Titel bis ans Ende ihrer Tage immer wieder spielen. Ich mag das Lied nicht gerade besonders(in finde es sogar fürchterlich), aber wenn es Oschek singt, kann ich es mir noch geradeso anhören ;-). Warum „Als ich fortging“ damals so ein Hit wurde, ist mir heute noch ein echtes Rätsel. Man kann auch sagen, die KARUSSELL-Jahre von 1985 bis 1991 waren einfach nicht meine Zeit.

Da lobe ich mir die echten Oschek-Knaller wie „Ehrlich will ich bleiben“ und „Wie ein Fischlein unterm Eis“ von den alten Liedern und „Lied für euch“ „Wer wenn nicht wir“ sowie „Stern der Liebe“ vom aktuellen Album. Reinhard Huth war und ist mit seiner markanten, gefühlvollen Stimme für mich einer der besten Rocksänger des Landes. Ich hoffe, die „Nachtigall mit dem weißen Haar“ trällert noch viele Monde so schön für uns.

Aber auch der langhaarige Sangeskollege Joe Raschke weiß als Sänger von „Oben sein?“, „Zweitgesicht“, „Meine Habseeligkeiten“ oder „Loslassen“ zu überzeugen. Bei den Cäsar-Klassikern wie „Zweifel“, „Mein Bruder Blues“, oder „Whisky“ kann er sich ebenfalls stimmlich sehr gut in Szene setzen. Übrigens spielt Joe nicht nur mit seinen musikalischen Fähigkeiten im Bandgefüge von KARUSSELL eine wichtige Rolle. Er ist auch Antreiber, Organisator und ohne seinen unermüdlichen Einsatz gäbe es die CD „Loslassen“ wohl nicht. Er ist eben ein echtes KARUSSELL-Kind.

Im Zugabenteil ging unter anderem dann noch ein „Gelber Mond“ auf. Die 6 Musiker setzten mit „Meine Habseeligkeiten“ und „Lieb ein Mädchen“ noch 2 weitere Lieder obendrauf. Kurz nach 22.00 Uhr gönnten sie sich eine ganz kurze Pause und setzten sich dann an den Verkaufsstand um mit den Fans ins Gespräch zu kommen und fleißig Autogramme zu schreiben. Das Thermometer zeigte zwar immer noch schlappe 3 Grad Celsius an und das Wetter war auch immer noch nicht angenehm zu nennen Doch die Gesichter vieler Besucher glühten vor Begeisterung. Die Jungs hatten sich an diesem Abend also wieder in viele (neue) Herzen gespielt. Alles andere hätte mich auch ganz stark gewundert.

 
Dieser Bericht stammt von Gundolf Zimmermann.
 
Vielen Dank dafür!!!

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